„Die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU) Münster bekommt erstmals ein Käte Hamburger-Kolleg (KHK). Als eines von bundesweit vier neuen Kollegs werden Wissenschaftler aus der ganzen Welt unter Federführung der Historikerin Prof. Dr. Ulrike Ludwig (Geschichte der Frühen Neuzeit) und des Juristen Prof. Dr. Peter Oestmann (Institut für Rechtsgeschichte – beide WWU) ab dem 1. Juni zu „Einheit und Vielfalt im Recht“ forschen. Die Förderung umfasst für die ersten vier Jahre rund 7,8 Millionen Euro, eine Verlängerung auf bis zu zwölf Jahre ist möglich.

Das Kolleg bietet die Möglichkeit, jährlich bis zu 16 thematisch einschlägig forschende Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftlern für sechs bis zwölf Monate nach Münster einzuladen, ihnen Zeit für ihre Forschung zu bieten und zugleich Raum für den Austausch miteinander zu schaffen.

Inhaltlich geht es vor allem um die Frage, wie sich das Verhältnis von Einheit und Vielfalt im Recht in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen und während der Epochen gestaltete. „Ausgangspunkt ist für uns die mitteleuropäische frühneuzeitliche Geschichte“, erläutert Peter Oestmann, „von der ägyptischen Papyrologie bis zur Neuzeit ist aber alles dabei.“ So gab es beispielsweise bis zur französischen Revolution keine einheitlichen Rechtsräume für die Bürger, sondern einzelne Rechtsrahmen für bestimmte Regionen und Personengruppen. Mit der Revolution sei zwar die Idee der Gleichheit aufgekommen. Aber gab es tatsächlich die Gleichheit vor den Gesetzen? Gab es nicht vielmehr weiterhin eine Differenzierung nach sozialen Aspekten?

Mit seiner Arbeit beschäftigt sich das Kolleg mit der noch immer häufig anzutreffenden Annahme, dass es eine Entwicklung „von der Vielfalt zur Einheit“ in der Rechtssetzung und Rechtsprechung gebe. Stattdessen sollen die vielstimmigen Perspektiven und Erzählstränge historischer und gegenwärtiger Entwicklungen des Rechts am Kolleg in den Blick genommen werden, erläutert Ulrike Ludwig, die zum Strafrecht und zur Kriminalitätsgeschichte forscht.

Zwei aktuelle Beispiele für die Einheit und Vielfalt im Recht: Mit Blick auf die Corona-Pandemie gibt es auf Bundes- und Landesebene unterschiedliche Regelungen, die bis auf die Ebene der Städte, Kreise und Gemeinden „heruntergebrochen“ und interpretiert werden müssen. Multinationale Konzerne müssen zudem damit umgehen, dass sie in den verschiedenen Ländern, in denen sie agieren, unterschiedlichen Normen unterliegen. Andererseits bemüht sich die internationale Staatengemeinschaft um einheitliche Rechtsstandards, wie beispielsweise das UN-Kriegsverbrechertribunal zeigt.

Das Kolleg untersuche nicht, betonen Ulrike Ludwig und Peter Oestmann, „was davon besser oder schlechter ist“, sondern wie Gesellschaften mit rechtlicher Vielfalt umgehen und welche Bemühungen um Vereinheitlichung zugleich angestoßen werden. Neben Rechtswissenschaftlern und Historikern werden beispielsweise auch Wissenschaftler aus den Ethnologien, der Soziologie, der Judaistik und der Sinologie eingeladen, im Kolleg mitzuarbeiten.“

WWU Münster (upm/bh/nor), https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=11653&lang=en